How to write a novel? Teil 2: Motivation und Durchhaltevermögen

Herzlich Willkommen bei Teil 2 unserer großen Serie „How to write a novel“, die ab jetzt wöchentlich für Euch erscheint. Falls Ihr bislang noch keine Zeit gefunden hab, in den ersten Teil „Von der Idee zur Struktur“ reinzuschauen, würde ich Euch dies gerne an dieser Stelle mitgeben. Die verschieben Bereiche bauen aufeinander auf und werden oftmals sequenziell bei der Entstehung eines Romans durchlaufen. Selbstverständlich ist diese Anordnung kein perfektes Konzept, sondern viel mehr ein Sammelsurium an Erfahrungen, die ich im Rahmen meiner schriftstellerischen Tätigkeit sammeln durfte und gerne mit Euch teilen möchte.

Nachdem im letzten Teil unserer Reihe schon beschrieben wurden, dass eine klare Struktur entscheidend ist, um eine Idee in ein Storybuch zu überführen (siehe Teil 1), widmen wir uns heute der Motivation und dem Durchhaltevermögen, um dieses Storybuch in einen Text umzuwandeln. Dabei ist natürlich vollkommen klar, dass es für einen guten Text erheblich mehr bedarf, als eine konsistente Struktur und die Motivation, diese auch niederzuschrieben. Nichtsdestotrotz möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass selbst das beste schriftstellerische Handwerk, zu keinem fertigen Roman führen kann, wenn der Autor keine Motivation und kein Durchhaltevermögen an den Tag legt. Daher betrachte ich im Entstehungsprozess eines Romans die Motivation als absolut notwendige und erste Bedingung für den Schreibprozess. Ohne Motivation, wird es sicherlich auch schwierig werden, sich ernsthaft mit Charakterkunde, Dramaturgie, Formenkunde oder Erzähltechniken auseinanderzusetzen. Daher würde ich gerne diesen zweiten Teil zur Motivation nahtlos anschließen und erst im dritten Teil näher auf das Handwerkszeug eines Schriftstellers eingehen, im vollen Bewusstsein, dass auch eine andere Reihenfolge durchaus möglich wäre.

Im Folgenden möchte ich meine Schilderungen so ehrlich wie möglich formulieren, auch wenn ich dabei Gefahr laufen sollte, die ein oder anderen Illusion zum romantischen Schriftstellerdasein zu zerstören. Sprechen wir es am Anfang einmal ganz schonungslos aus:

Punkt 1: Es dauert verdammt lange einen Roman zu schreiben, diesen anschließend mühsam zu überarbeiten und am Ende noch einen Verlag zu finden und

Punkt 2: Ihr könnt Euch sicher sein, dass es im Entstehungsprozess mehr Rückschläge geben wird als Euch lieb ist!

Ich sage dies nicht, um Euch zu entmutigen, abzuschrecken oder unnötig Angst zu machen, sondern, um an dieser Stelle keine falschen Erwartungen zu schüren und noch einmal zu betonen, wie wichtig die langfristige Motivation und das Herzblut ist, das ihr für solch ein Projekt aufbringen müsst. Um nur mal ein paar einfache Beispiele zu nennen, die mir während den Arbeiten an meinem ersten Roman widerfahren sind: Ich erinnere mich an einen Computervirus, der monatelange Schreibarbeit in Sekunden auf meiner Festplatte vernichtete, an Dateien, die ich versehentlich überspeichert habe, verlorene USB Sticks mit ungesicherten Texten, ganze Kapitel, in denen man sich so sehr verrannt hatte, dass sie später komplett gelöscht werden mussten. Momente in denen ich am liebsten den Laptop aus dem Fenster geworfen hätte. Wenn es mal nicht so Rund läuft, und glaubt mir, der Moment wird kommen, ist eine einzige Frage entscheidend:

Was genau ist Deine Motivation?

Vielleicht kennt ihr den golenden Kreis von Somon Sinek, der einem helfen soll, Projekte erfolgreich umzusetzen. Bei dem Schaubild handelt es sich um einen Kern in der Mitte (dem WARUM), der von zwei Ringen umgeben ist, einen mittleren (dem WIE) und einen äußeren (dem WAS). Laut Sinek funktionieren Erfolgsstrategien nur, wenn sie von innen nach außen gerichtete sind. Sprich, wir müssen uns zuerst die Frage stellen, WARUM wir etwas tun wollen, welche Bedürfnis wollen wir mit der Tätigkeit für uns abdecken? Desto näher diese Bedürfnisse, an unseren eigentlichen Grundbedürfnissen liegen, desto besser. Daher ist der Anreiz: „Ich möchte Geld verdienen“ ein ziemlich schwacher, weil wir hier nicht wirklich bis zum innersten Kern unseres Bedürfnisses vordringen. Wenn ich weiterfragen würde „Weshalb ist es dir so wichtig Geld mit einem Roman zu verdienen?“ Dann kommen wir langsam in eine Kategorie, die vllt. das Grundbedürfnis nach finanzieller Absicherung oder Sozialer Anerkennung ausdrückt. Und genau dort solltet ihr probieren hinzukommen, zu dem Kern Eures WARUMs.

Mir ist noch einmal wichtig zu sagen, dass ich es mir keineswegs anmaße individuelle Bedürfnisse von anderen zu hinterfragen oder, noch schlimmer, diese zu bewerten. Es gibt die verschiedensten Gründe, weshalb Menschen großartige Dinge tun. Und viele dieser Gründe werde ich niemals verstehen, aber das muss man auch nicht. Sei es ein Geltungsbedürfnis, Selbstverwirklichung, andere unterhalten zu wollen oder das Bedürfnis, die Welt ein wenig besser zu machen. Diese unterschiedlichen Motivationen können für verschiedene Menschen starke oder weniger starke Antriebsmotoren darstellen. Am Ende geht es einzig und allein um das Resultat.

Das einzige was ich dabei als fundamental wichtig empfinde, ist, dass man, bevor man ein Projekt beginnt, das WARUM für sich selbst ehrlich und tiefgreifend beantwortet. Nur so kann wahre intrinsische Motivation aufgebaut werden, wie auch immer diese am Ende für Euch aussieht. Für mich persönlich, war es immer sehr hilfreich mir zu vergegenwärtigen, dass eine Motivation immer stark emotional getrieben ist. Wenn Euer WARUM also nicht stark genug emotional aufgeladen und nur rational begründet ist, dann wird Eure Motivation wahrscheinlich irgendwann auf der Strecke bleiben. Im besten Fall brennt Ihr mit jeder Zelle Eures Körpers für das was Ihr vorhabt und behalten dieses Gefühl, dass ihr dabei in Euch spürt, stehts vor Augen. Als praktischen Tipp, kann ich nur empfehlen, das WARUM in einem prägnanten Satz aufzuschreiben, am besten in folgender Form „Ich werde einen Roman schreiben, weil…“. Diesen Zettel solltet ihr gut sichtbar an dem Ort aufzuhängen, an dem Ihr am liebsten schreibt. Zusätzlich lohnt es sich, einen weiteren Zettel an einem Platz in Eurer Wohnung aufzuhängen, an dem ihr täglich vorbeikommt (bspw. die Tür Eures Kühlschranks). Denn erst wenn dieses WARUM in Fleisch und Blut übergegangen ist, macht es Sinn, sich mit der eigentlichen Umsetzung (dem WIE) und dem konkreten Ergebnis (dem WAS) zu beschäftigen. Hierunter fällt natürlich auch die Frage:

Wie sieht Deine Zeitplanung aus?

Bereits im ersten Teil unserer Serie wurde erwähnt, dass ein Storybuch dabei helfen kann, den Schreibprozess in kleine „Häppchen“ einzuteilen, denn ein zu großes Ziel kann oft übermächtig wirken und die Motivation regelrecht erschlagen. Das Gehirn lässt sich jedoch zum Glück recht einfach austricksen und merkt bei der Bewältigung von vielen kleinen Teilziele gar nicht mehr, was eigentlich noch vor ihm liegt. Es hilft also für eine langfristige Motivation seine Ziele in einzelne Unterziele aufzuteilen und damit regelmäßig kleine Erfolge zu feiern. Nutzt diese Strategie, nicht nur um Kapitelweise zu denken, sondern selbst das Kapitel in einzelne Abschnitte und Seiten einzuteilen, die ihr in einem gewissen Zeitrahmen runterschreiben möchtet. Selbstverständlich wird das ein oder andere am Ende auch wieder gelöscht und editiert werden, aber aus eigener Erfahrung ist es erheblich motivierender schon einmal etwas auf dem „Papier“ stehen zu haben, als frustriert auf ein leeres Blatt zu starren. Es gilt also die Motivation durch kleine Erfolge aufrecht zu halten. Wenn man nun an die konkrete Zeitplanung denkt, stellt sich jedoch unweigerlich eine weitere Frage, nämlich:

Wie viel bist Du bereit zu opfern?

Fakt ist, dass wir alle nur 24 Stunden pro Tag und 365 Tage im Jahr zur Verfügung haben. Eine Tatsache, die alle Menschen auf diesem Planeten eint und die in unserer Zeitplanung die wohl wichtigste Restriktion darstellt. Nun müssen wir uns überlegen, was sind Dinge, die zwangsläufig in unserem alltäglichen Leben verankert sind. Neben unseren sechs bis sieben Stunden Schlaf, die wir alle brauchen, um leistungsfähig zu sein, müssen wir uns also die Fragen stellen: Wie viele Stunden nimmt unser Hauptberuf/unser Unialltag/unser Schulalltag in Anspruch? Haben wir eine Familie, für die wir Verantwortung tragen? Haben wir Kinder oder einen Pflegefall, um die wir uns kümmern müssen? Praktizieren wir eine Religion, die unweigerlich Teil unseres Lebens ist? Zusammengefasst: Was sind Dinge in unserem Leben, die einfach laufen MÜSSEN, ohne Wenn und Aber? Wenn wir dies einmal für uns geklärt haben, dann können wir uns relativ leicht ausrechnen, wie viel Zeit uns am Tag noch für andere Dinge bleibt. Sicherlich fällt diese Zahl bei dem einen höher und bei dem anderen niedriger aus, was vollkommen ok ist. Viel wichtiger ist es, eine realistische Einschätzung vorzunehmen.

Als nächstes sollten wir uns die Frage stellen, was sind Dinge, die wir gerne tun, die jedoch nur optional in unserem Leben sind? Ich treffe gerne meine Freunde, gehe zum Sport, mache Musik, schaue Filme, liege am Wochenende auch mal gerne auf dem Sofa rum, usw. Alles Dinge, die zur normalen Freizeitgestaltung gehören, aber die eher als optional anzusehen sind. Sicherlich ist der ein oder andere Punk sehr individuell. Für einen Menschen mit einem sehr starken Bedürfnis nach sozialen Kontakten, ist es wahrscheinlich ein MUSS sein, seine Freunde mehrmals in der Woche zu sehen. Für einen Einzelgänge würde dieser Punkt wahrscheinlich eher in die Kategorie „optional“ fallen. Für viele Personen ist es ein MUSS mehrmals in der Woche zum Sport zu gehen, für andere ist dieser Punkt ebenfalls eher optional. Welcher Punkt bei Dir in welcher Kategorie landet, entscheidest nur du allein. Wenn Du diese Einordnung für Dich vorgenommen hast, kommt der wohl schwierigste Teil. Nun müssen wir uns überlegen, was wir letzten Endes bereit sind von unserem optionalen Bereich für unseren großen Traum zu opfern? Wie weit möchte ich gehen, um mein Ziel zu erreichen? Opfere ich Zeit vor dem Fernseher, Sportkurse, den wöchentlichen Kinobesuch oder sogar Treffen mit Freunden für mehr Schreibzeit? Wenn ich ein gutes WARUM gefunden habe, sollte die Frage hier nicht mehr lauten: Möchte ich etwas opfern? Sondern lediglich: Wie viel bin ich bereit zu opfern? Und dies ist durchaus eine berechtigte und schwierige Frage, denn ich verspreche Euch, dass Ihr mit großer Wahrscheinlichkeit nicht glücklich werdet, wenn ihre Eure Freunde, Eure Hobbys und alles was Euch im Leben lieb ist, aufgebt, nur um ein Ziel in Rekordzeit zu erreichen. Hier geht es vielmehr darum, den goldenen Mittelweg zu finden. Sich genug Freiräume zu schaffen, um das Projekt mit der nötigen Ernsthaftigkeit angehen zu können, aber auch nicht sein ganzes Leben in Isolation und Einsamkeit zu verbringen und gar nicht mehr zu leben. Für eine langfristige Motivation ist es nämlich essentiell ein intaktes Sozialleben zu führen und nicht am Rande eines Burnouts unterwegs zu sein. Eure Freunde und Eure Partnerin/Euer Partner werden es Euch danken. Zudem ist das Schreiben ein kreativer Prozess, der, meiner Meinung nach, genau diesen Gegenpol unbedingt benötigt. Wenn Du weißt, wie viel Du bereit bist zu opfern, ohne dich selbst aufzugeben, erst dann ist es möglich einen realistischen und vor allem nachhaltigen Zeitplan aufzustellen, in dem Wochen-, Monats-, Quartals- und Jahresziele mit konkreten Seiten- und Kapitelangaben festgelegt werden.

Ich hoffe sehr, dass dieser schonungslos ehrliche Abriss zum Thema Motivation bei Dir für etwas kribbeln in den Fingern gesorgt hat. Nun gibt es nichts weiter zu tun als den Laptop aufzuklappen und in die Tasten zu hauen. Das Schriftstellerdasein kann beginnen! Nach dieser kleinen Einführung gibt es also drei wichtige Dinge hin zum fertigen Manuskript zu beachten: DURCHHALTEN, DURCHHALTEN, und nochmals DURCHHALTEN!

Liebe Grüße und bis zur nächsten Woche, zum dritten Teil unserer Serie „How to write a novel“, in dem es um folgendes Thema gehen wird: „Das Handwerkszeug eines Schriftstellers“.

Gerrit C. Paulson